Liebe Absolventinnen und Absolventen,
heute ist ein besonderer Tag.
Ein Tag des Abschlusses – und gleichzeitig ein Tag des Aufbruchs.
Die Pferdefachwirtprüfung markiert das Ende einer intensiven Lernphase. Ihr habt Zeit investiert, Wissen aufgebaut, Erfahrungen gesammelt, Herausforderungen gemeistert und sicherlich auch Momente erlebt, in denen ihr an eure Grenzen gekommen seid.
Doch mit dem heutigen Tag erhaltet ihr nicht nur einen Abschluss. Ihr übernehmt Verantwortung Verantwortung für Betriebe, für Mitarbeiter, für Kunden – und vor allem für die Pferde, die euch anvertraut werden.
Dabei möchte ich euch drei Gedanken mit auf den Weg geben.
Der erste lautet:
„Jeder dient im Ausmaß seines Verstehens sich selbst und im Ausmaß seines Nicht-Verstehens anderen, die mehr verstehen“
Dieser Satz verdeutlicht, dass echtes Wissen weit mehr als das bloße Sammeln von Informationen ist. Wissen bedeutet nicht, Fakten auswendig zu kennen oder Antworten auf Prüfungsfragen geben zu können. Wissen bedeutet, Zusammenhänge zu erkennen.
Wissen bedeutet, zu verstehen.
Und Verstehen bedeutet, das große Ganze zu sehen: das Pferd in seiner Gesamtheit, den Betrieb als System, den Menschen mit seinen Bedürfnissen und Erwartungen. Erst wenn Wissen zu Verstehen wird, kann daraus verantwortungsvolles Handeln entstehen. Vielleicht steckt genau deshalb im Wort Wissen auch ein Stück Gewissen. Denn Wissen ohne Gewissen bleibt bloße Information. Wissen verbunden mit Gewissen wird zu Gewissenhaftigkeit. Und aus Gewissenhaftigkeit wächst mit der Zeit etwas, das weit über Fachkompetenz hinausgeht:
Weisheit
Die Fähigkeit, nicht nur zu fragen: Was kann ich tun?, sondern auch: Was sollte ich tun?
Wer die Bedürfnisse eines Pferdes wirklich versteht, erkennt, dass kurzfristige Erfolge niemals wichtiger sein dürfen als langfristige Gesundheit und Wohlbefinden. Wer wirtschaftliche Zusammenhänge versteht, trifft nachhaltigere Entscheidungen. Wer Menschen versteht – ihre Sorgen, ihre Motive, ihre Erwartungen –, kann führen, motivieren und gemeinsam wachsen. Verstehen schafft Freiheit. Es macht unabhängig von Gewohnheiten, von Vorurteilen und von dem Satz: „Das haben wir schon immer so gemacht.“
Und wo Verstehen fehlt, entstehen Missverständnisse, Fehlentscheidungen und manchmal auch Leid – oft nicht aus böser Absicht, sondern aus Unwissenheit.
Aber / Und:
„Wissen ist eine Holschuld.“
Niemand kann euch Wissen dauerhaft mitgeben. Kein Dozent, kein Lehrbuch, keine Fortbildung und keine Prüfung kann euch die Verantwortung für euer Lernen abnehmen. Denn Lernen endet nicht mit dem heutigen Tag.
Es gibt einen Gedanken, der besagt, dass wir auf drei Arten lernen können:
- Durch Nachahmung.
- Durch Erkenntnis.
- Oder durch schmerzhafte Erfahrung.
Die Nachahmung ist der einfache Weg. Wir beobachten Menschen, die uns inspirieren, lernen von ihren Erfolgen und übernehmen bewährte Vorgehensweisen. Die Erkenntnis ist der nachhaltige Weg. Sie entsteht aus Neugier, aus Fragen, aus dem Wunsch, Zusammenhänge wirklich zu verstehen. Und schon im Wort Erkenntnis steckt die Kenntnis – doch sie geht weit über sie hinaus. Denn Erkenntnis verbindet Wissen mit Verstehen. Die schmerzhafte Erfahrung schließlich ist oft die wirksamste Lehrmeisterin – aber auch die teuerste. Und in der Pferdewelt zahlen den Preis für Unwissenheit, fehlende Erfahrung oder mangelnde Reife leider nicht nur wir Menschen. Zu oft sind es die Pferde.
Deshalb habt ihr euch entschieden, euer Wissen aktiv zu holen. Deshalb habt ihr gelernt, hinterfragt und euch weiterentwickelt. Denn die Pferdewelt verändert sich. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse entstehen, gesellschaftliche Erwartungen wandeln sich und betriebliche Herausforderungen werden komplexer. Wer heute glaubt, ausgelernt zu haben, wird morgen den Anschluss verlieren.
Bleibt neugierig. Stellt Fragen. Hinterfragt Routinen. Sucht aktiv nach Antworten. Nicht, weil ihr müsst. Sondern weil die Pferde, die Menschen und die Betriebe, mit denen ihr arbeitet, es verdienen. Euer Abschluss ist deshalb kein Endpunkt. Er ist der Beweis, dass ihr gelernt habt, wie man lernt.
Und damit komme ich zum dritten Gedanken:
„Wissen ohne Reife führt zu Machtmissbrauch.“
Fachwissen verleiht Einfluss. Ihr wisst künftig mehr als viele andere. Menschen werden eurem Urteil vertrauen. Ihr werdet Entscheidungen treffen, Empfehlungen aussprechen und Verantwortung übernehmen. Doch Wissen allein macht noch keine gute Führungskraft und keinen guten Pferdemenschen.
Denn Wissen ohne Reife kann überheblich machen. Es kann dazu verleiten, das Machbare über das Sinnvolle zu stellen oder die eigene Meinung über das Wohl anderer. Reife bedeutet, sich der eigenen Grenzen bewusst zu sein. Reife bedeutet zuzuhören. Reife bedeutet, die Perspektive des Gegenübers einzunehmen – sei es die eines Mitarbeiters, eines Kunden oder eines Pferdes, das seine Bedürfnisse nicht mit Worten ausdrücken kann.
Und Reife ohne Wissen? Sie führt zu guten Absichten – aber selten zu guten Ergebnissen. Denn Verantwortungsbewusstsein allein genügt nicht, wenn die fachliche Grundlage fehlt. Erst die Verbindung aus Wissen und Reife schafft Weisheit. Und genau diese Weisheit braucht die Pferdewelt heute mehr denn je.
Sie braucht Menschen, die kompetent sind und gleichzeitig demütig. Menschen, die wirtschaftlich denken und dennoch oder gerade deshalb das Wohl des Pferdes zum Maßstab ihres Handelns machen. Menschen, die nicht nur verwalten, was ist, sondern gestalten, was sein kann.
Ihr habt heute bewiesen, dass ihr bereit seid, diesen Weg zu gehen.
Bewahrt euch eure Neugier.
Vertieft euer Verständnis.
Erweitert euer Wissen.
Und lasst eure Reife mit jeder Erfahrung wachsen.
Denn am Ende wird man euch nicht daran messen, wie viel ihr wusstet.
Sondern daran, was ihr mit eurem Wissen bewirkt habt.
Vielen Dank für die schöne Zeit mit Euch und herzlichen Glückwunsch zu eurem Abschluss – und alles Gute für euren weiteren Weg.
Hier noch ein paar Impressionen der Kurse des letzten Jahres und der Reitprüfung zur Erinnerung!
